{"id":1243,"date":"2019-07-13T11:53:15","date_gmt":"2019-07-13T11:53:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freenekane.ch\/?p=1243"},"modified":"2019-07-13T11:53:22","modified_gmt":"2019-07-13T11:53:22","slug":"vice-aktivistin-nekane-txapartegi-beklagt-frauenfeindliche-haftbedingungen-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.freenekane.ch\/fr\/vice-aktivistin-nekane-txapartegi-beklagt-frauenfeindliche-haftbedingungen-in-der-schweiz\/","title":{"rendered":"vice: Aktivistin Nekane Txapartegi beklagt frauenfeindliche Haftbedingungen in der Schweiz"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die baskische  Aktivistin hat eine Odyssee durch spanische und schweizerische  Gef\u00e4ngnisse hinter sich. Zurzeit lebt sie in Z\u00fcrich &#8211; als freie Frau.  Nun droht ihr die erneute Auslieferung. VICE hat mit ihr gesprochen.<\/h2>\n\n\n\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/contributor\/miriam-suter\">Miriam Suter<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/video-images.vice.com\/articles\/5d271c6c7b5bbf00083862b6\/lede\/1562845079397-VICE_Nekane_Stadelmann_190627_05.jpeg\" alt=\"\"\/><figcaption>Alle Fotos: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/lukasstadelmann.ch\/\" target=\"_blank\">Lukas Stadelmann<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Fast 17 Monate lang sass die baskische Polit-Aktivistin Nekane Txapartegi in der Schweiz in <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/article\/9kx45z\/wie-eine-abschiebung-auf-der-leipziger-eisenbahnstrasse-eskalierte\" target=\"_blank\">Auslieferungshaft<\/a>,  bevor sie \u00fcberraschend freikam. Zwei Jahre ist das nun her. Der  spanische Staat warf Txapartegi damals vor, mit der baskischen  Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung Euskadi Ta Askatasuna (ETA) kooperiert zu haben \u2013  der Vorwurf lautete zuerst Mitgliedschaft, wurde im Rekurs des Urteils  aber abgeschw\u00e4cht. Die ETA gr\u00fcndete sich 1959 unter der Franco-Diktatur.  Im Mai 2018 l\u00f6ste sich die ETA auf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>1999\n sass Txapartegi f\u00fcnf Tage in Spanien in Incommunicado-Haft mit \nabsoluter Kontaktsperre, laut eigenen Angaben wurde sie dort <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/article\/wj3xmq\/die-geschichte-eines-erzwungenen-gestaendnisses-polizei-gewalt-video\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">gefoltert<\/a> und vergewaltigt \u2013 und so zu einem Gest\u00e4ndnis gezwungen. Txapartegis Anw\u00e4lte haben 2017 ein <a href=\"https:\/\/humanrights.ch\/de\/menschenrechte-schweiz\/inneres\/strafen\/folterverbot\/foltervorwuerfe-spanien-nekane-txapartegi\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gutachten<\/a>\n von zwei Experten beim Bundesamt f\u00fcr Justiz eingereicht, die die \nFoltervorw\u00fcrfe unterst\u00fctzen: Prof. Dr. Thomas Wenzel, Psychiater in \nWien, Herausgeber mehrerer Handb\u00fccher zum Istanbul-Protokoll und \nAusbildungsexperte in mehreren <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/article\/pajkzz\/warum-euer-eu-fetisch-nur-noch-zum-kotzen-ist-europawahl-eu-hoodie\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">EU-Staaten<\/a>\n und Dr. \u00d6nder \u00d6zkalipci, t\u00fcrkischer Rechtsmediziner und Co-Autor des \nIstanbul-Protokolls anerkennen beide in ihren Berichten die Folter an \nTxapartegi. <\/p>\n\n\n\n<p>Zudem hat sich der UNO-Sonderberichterstatter f\u00fcr \nFolter, Nils Melzer, 2017 an die Schweiz gewendet. Die Schweiz d\u00fcrfe \nTxapartegi nicht an Spanien ausliefern, weil sie damit ein spanisches <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/article\/8gb83p\/boykott-im-gerichtssaal-der-standortfucktor-prozess-878\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gerichtsurteil<\/a>\n anerkennen w\u00fcrde, das auf Aussagen basiert, die m\u00f6glicherweise durch \nFolter erzwungen wurden. Nur durch die Nichtauslieferung k\u00f6nne die \nSchweiz das absolute Folterverbot respektieren. Es gibt eine sehr klare \nPositionierung des UNO-Sonderberichterstatter f\u00fcr Folter, und auch der \nWeltorganisation gegen Folter (OMCT). Auch die beiden h\u00f6chsten Schweizer\n Gerichte, das Bundesgericht sowie das Bundesverfassungsgericht erachten\n die Foltervorw\u00fcrfe als glaubhaft. <\/p>\n\n\n\n<figure><iframe src=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/embed\/article\/wj3xmq\/die-geschichte-eines-erzwungenen-gestaendnisses-polizei-gewalt-video?utm_source=stylizedembed_vice.com&amp;utm_campaign=xwnjwq&amp;site=vice\" allowfullscreen=\"\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p>Aufgrund dieses Gest\u00e4ndnisses verurteilen sie die spanischen <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/article\/znky8e\/die-tuerkischen-behoerden-wollen-unser-glueck-zerstoeren-271\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Beh\u00f6rden<\/a>\n 2007 zu einer elfj\u00e4hrigen Haftstrafe, woraufhin Txapartegi aus Spanien \nin die Schweiz fl\u00fcchtete. Spanien stellte jedoch einen \nAuslieferungsantrag worauf Txapartegi 2016 in Z\u00fcrich verhaftet wurde, \nworaufhin sich die <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/article\/8xz3xg\/freecarola-spenden-und-unterstuetzung-fuer-sea-watch-seenotrettung\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Solidarit\u00e4tsbewegung<\/a> &#8220;Free Nekane&#8221; formierte und durch Aktionen Druck auf Politik und Justiz aus\u00fcbte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\n eidgen\u00f6ssische Justizdepartement hatte im M\u00e4rz 2017 die Ausschaffung \nzuerst bewilligt, 2017 zog Spanien das Auslieferungsgesuch an die \nSchweiz zur\u00fcck \u2013 wohl auch aufgrund der hohen \u00f6ffentlichen Solidarit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Txapartegi\n lebt weiterhin in der Schweiz und hat in ihrer Zeit in Freiheit nicht \ngeruht: Sie arbeitet heute beim alternativen Z\u00fcrcher Radiosender LoRa \nund stellte 2018 ihre Zeichnungen und Gedichte <a href=\"https:\/\/frauenraum.ch\/programm\/anlass\/vernissage-mit-nekane\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">aus<\/a>, die sie w\u00e4hrend ihrer Haft gefertigt hat<\/p>\n\n\n\n<p>Doch\n nun hat Spanien ein neues Verfahren gegen Txapartegi eingeleitet und \ndaf\u00fcr angek\u00fcndigt, einen neuen Auslieferungsantrag an die Schweiz zu \nstellen. Gibt die Schweizer <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/article\/59kgjd\/auf-was-du-als-gefangniswarterin-nicht-vorbereitet-wirst\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Justiz<\/a>\n dem statt, droht Txapartegi eine erneute Verhaftung. Txapartegi k\u00f6nnte \nrekurrieren, und den Fall bis vor internationale Gerichte weiterziehen. \nEs ist noch offen, wie sich die Schweiz zum spanischen Rechtshilfegesuch\n positionieren wird. Internationale Gerichte haben Spanien schon \nmehrfach wegen Folter verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir treffen Nekane an ihrem Arbeitsort beim Radio LoRa in Z\u00fcrich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> VICE: Deine Haftstrafe in Spanien ist verj\u00e4hrt, warum will der spanische Staat eine neue Anh\u00f6rung?<br><\/strong>Nekane:\n Bei einer politischen Verfolgung geht es nicht um konkrete Taten, \nsondern um meine Gesinnung. Darum rollen sie den Fall jetzt nochmal auf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Wie meinst du das?<br><\/strong>Meine\n Haftstrafe, die urspr\u00fcnglich elf Jahre betrug, basiert auf einem \nGest\u00e4ndnis, das ich 1999 unter schlimmster Folter abgelegt habe. Im \nsp\u00e4teren Verlauf der juristischen Prozesse wurden daraus sechs Jahre und\n meine Anw\u00e4lte haben es schliesslich geschafft, das Urteil nochmal auf \ndie H\u00e4lfte, also auf drei Jahre, runterzukriegen. F\u00fcr mich ist das schon\n Beweis genug, dass es sich um ein politisches Urteil handelt, nicht um \nein strafrechtliches: Wie kann es sein, dass du in einem Prozess zuerst \nzu elf Jahren verurteilt wirst und dann sind es pl\u00f6tzlich drei?<\/p>\n\n\n\n<p>Es\n passt dem spanischen Staat nicht, dass ich mich gegen das System wehre,\n indem ich nicht mit ihnen kooperiere. Als Frau wurde ich ausserdem \ndoppelt bestraft: Ich habe nicht die Rolle akzeptiert, die dieses \npatriarchale System f\u00fcr mich vorgesehen hat. Die politische Repression \nder Frauen hat ein sexistisches Gesicht. <\/p>\n\n\n\n<p><strong> Die spanischen \nBeh\u00f6rden drohen dir mit einem neuen Haftbefehl. Du warst am 22. Mai bei \nder Bundesanwaltschaft in Bern vorgeladen, um via Videokonferenz vom \nspanischen Sondergericht Audiencia Nacional verh\u00f6rt zu werden \u2013 du hast \ndie Befragung aber abgelehnt. Wieso?<br><\/strong>Ja. Auch dieses neue \nStrafverfahren basiert auf Aussagen, die ich damals unter Folter gemacht\n habe. Ich habe der Schweizer Staatsanwaltschaft darum gesagt, dass ich \nnicht an einem Verfahren teilnehme, das sich auf unter Folter \nerzwungenen Aussagen st\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Wie haben die spanischen Beh\u00f6rden reagiert?<br><\/strong>Die\n haben sofort einen neuen Haftbefehl in Auftrag gegeben. F\u00fcr mich ist \ndas klassisches Racheverhalten seitens des Sondergerichts.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Warum?<br><\/strong>Die\n Audiencia Nacional basiert noch immer auf Strukturen aus dem \nFranco-Regime: Ihr Ziel ist die politische Verfolgung \u2013 das war 1999 \nschon so und geht jetzt weiter. Die Untersuchungsrichterin ist eine \nehemalige Gew\u00e4hlte vom Partido Popular <em> [konservativ-christliche spanische Volkspartei, Anm. d. Red.]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\n Im September 2017 wurdest du unerwartet aus der Haft im \nBezirksgef\u00e4ngnis Z\u00fcrich entlassen, weil ein spanisches Gericht die \nHaftstrafe f\u00fcr verj\u00e4hrt erkl\u00e4rt hat. <br><\/strong>Ich denke auch heute noch, \ndass sich sowohl Spanien als auch die Schweiz damals durch die grosse \nSolidarit\u00e4t dazu gezwungen sahen, eine juristische L\u00f6sung zu finden \u2013 \ndie aber eigentlich eine politische L\u00f6sung ist. Dass der spanische Staat\n aber nicht locker lassen w\u00fcrde, war mir schon klar.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lh3.googleusercontent.com\/jtZHt_5cu4ghvNUAL3JywdXf3T_NePrQ1fmDw5fjx54DYZyj3_E3rjNpYVCetNhgzooarTUxJmxncr17bsdoNrYnJF6DCyxaInM_fWU2d1IDpGJidWecchecaK98zQB89BfHvhiH\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong> Was genau ist denn der neue Vorwurf an dich?<br><\/strong>Dass\n ich falsche Papiere bei mir hatte, als ich 2016 in der Schweiz \nverhaftet wurde. Die Anklage an sich ist aber immer noch die gleiche: \nDass ich Mitglied der ETA war. Durch die neue Komponente mit den \nfalschen Papieren sieht der spanische Staat einfach eine M\u00f6glichkeit, \nden Fall nochmals aufzurollen. <\/p>\n\n\n\n<figure><iframe src=\"https:\/\/www.vice.com\/de_ch\/embed\/article\/a3bbka\/frauen-in-russlands-arbeitslagern-fotos-gefaengnis-hoffnung?utm_source=stylizedembed_vice.com&amp;utm_campaign=xwnjwq&amp;site=vice\" allowfullscreen=\"\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p><strong> Die Festnahme mit den falschen Papieren geschah aber in der Schweiz, nicht in Spanien<br><\/strong>Darum\n ergibt diese neue Anh\u00f6rung auch keinen Sinn. Nat\u00fcrlich hatte ich \nfalsche P\u00e4sse, als ich 2007 auf der Flucht war. Ich hatte Angst, wieder \ngefoltert zu werden, und bin gefl\u00fcchtet. Auch deshalb, weil ich meiner \nTochter eine gute Zukunft erm\u00f6glichen will. Dass es w\u00e4hrend der Haft in \nSpanien Folter gibt, wird immer wieder von internationalen Gerichten \nanerkannt. Erst k\u00fcrzlich gab es wieder einen Fall von einem Basken, der \n2007 gefoltert wurde, das Jahr, in dem ich aus Spanien floh \u2013 das hat \ndie UNO in einem Urteil best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Dennoch hat die Schweiz \nbei deiner Freilassung 2017 keine Stellung zum Foltervorwurf bezogen und\n das Bundesamt f\u00fcr Justiz hat nun das erneute Rechtshilfegesuch der \nspanischen Beh\u00f6rden anerkannt.<br><\/strong>Das ist f\u00fcr mich noch immer der \nzentrale Punkt. Dass es im Mai nochmals eine Anh\u00f6rung h\u00e4tte geben sollen\n durch den spanischen Staat ohne, dass die Folter von irgendeinem \nGericht untersucht wurde. Diese Schritte sind alle retraumatisierend f\u00fcr\n mich. Ich bin jetzt wieder mit einem spanischen Gericht konfrontiert, \nwelches die systematische Folter von baskischen, politische Dissidenten \nund Dissidentinnen gesch\u00fctzt hat und immer noch sch\u00fctzt. F\u00fcr mich ist \ndas eine sehr grosse Herausforderung. <\/p>\n\n\n\n<p><strong> Hat das spanische Gericht deine Schilderungen der Folter \u00fcberhaupt jemals angeh\u00f6rt?<br><\/strong>Ja,\n 2006 war ich beim Audiencia Nacional und dort konnte ich zum ersten Mal\n einer Richterin erz\u00e4hlen, was mir angetan wurde. Nicht weil die \nRichterin daran Interesse hatte, sondern weil ich wollte, dass in die \nAudiencia Nacional als Teil dieses repressiven Folterapparats meine \nGeschichte h\u00f6rt. Ich wollte die Stimme erheben gegen die systematische \nFolter von Baskinnen erheben. Vorher hat mich niemand gefragt, kein \nGericht hat sich daf\u00fcr interessiert. Die Audiencia Nacional ist ja \nselber Teil dieses repressiven Folterapparats. <\/p>\n\n\n\n<p><strong> Wie war es f\u00fcr dich, sieben Jahre nach der Folter nochmals dar\u00fcber zu sprechen?<br><\/strong>Es\n f\u00fchlte sich so an, als w\u00fcrde ich nochmals in den Folterkeller \nzur\u00fcckkehren. Es war schon ein grosser Schritt f\u00fcr mich, die Folter zu \n\u00fcberwinden. Bis zu dieser Anh\u00f6rung wusste ich nicht, ob ich \u00fcberhaupt \njemals f\u00e4hig w\u00e4re, dar\u00fcber zu sprechen und die Folterer zu \nidentifizieren. Dass ich es konnte, ist ein Erfolg f\u00fcr mich. Aber dass \nnun immer wieder meine Glaubw\u00fcrdigkeit infrage gestellt wird und damit \ndie Folterer gesch\u00fctzt werden, reisst die Wunde der Folter wieder auf. \nDass die Schweiz da auch noch mitmacht, verletzt mich noch mehr. Der \nTermin im Mai war darum wichtig f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Warum?<br><\/strong>Bisher\n haben die Schweizer Beh\u00f6rden nur brieflich mit mir kommuniziert. Die \nAnh\u00f6rung, die der spanische Staat gefordert hat, war meine erste \nM\u00f6glichkeit, pers\u00f6nlich zu sagen, dass ich keine Kollaboration mit einem\n Folterstaat eingehen werde. W\u00e4re ich gar nicht hingegangen, dann h\u00e4tte \ndas strafrechtliche Konsequenzen f\u00fcr mich bedeutet. Das war auch als \nStatement gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Wie beurteilst du die Haftbedingungen im Z\u00fcrcher Bezirksgef\u00e4ngnis?<br><\/strong>Absolut\n ungeeignet f\u00fcr eine Frau wie mich, die sexualisierte Gewalt erfahren \nhat. Meine Traumatisierung ging auch im Gef\u00e4ngnis weiter. <\/p>\n\n\n\n<p><strong> Im Schweizer Gef\u00e4ngnis?<br><\/strong>Ja.\n Die politische Verfolgung von Frauen hat immer auch eine sexistische \nKomponente, das hat bei mir schon im Foltergef\u00e4ngnis in Spanien \nangefangen. Ich wurde vergewaltigt und sexualisiert gefoltert. Das habe \nich \u00fcberlebt. Aber diese Gewalt gegen Frauen ist strukturell bedingt, \ndas passiert auch hier in der Schweiz. Meine spezifischen Bed\u00fcrfnisse im\n Gef\u00e4ngnis als Frau, die sexualisierte Folter \u00fcberlebt hat, wurden \nkategorisch ignoriert. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lh6.googleusercontent.com\/ru7aJfmdQTqXGdJq8CRI8s9UZk02uTnypHHeJGvdevokKVOAj3JHV-DPZzPILlH2KH1PKQskrN3n5AssJxXk0OMYDnVS1zPh6xvyjep1fydvRwKMLa3VxRYGhps-zyfooSqGzx1T\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong> Wie genau hat sich das ge\u00e4ussert?<br><\/strong>Wenn\n du so etwas \u00fcberlebst wie ich und du kommst in ein patriarchales, \nhierarchisches System wie im Bezirksgef\u00e4ngnis, ist das sehr schwer \nauszuhalten. Ich war auf einer Abteilung, die sich Frauen, trans Frauen \nund M\u00e4nner mit psychischen Probleme geteilt haben. Es gab kaum \nW\u00e4rterinnen, praktisch alle Wachen waren M\u00e4nner. Auch das hat mich \nretraumatisiert. Und diese patriarchalen Strukturen ziehen sich hoch bis\n in die Justiz: Unseren Aussagen wird nicht geglaubt, unsere Bed\u00fcrfnisse\n werden ignoriert. Und wenn man jemandem nicht glaubt, muss man auch \nkeine spezifischen Massnahmen f\u00fcr diese Person ergreifen. Ich war \nt\u00e4glich 23 Stunden isoliert in meiner Zelle, konnte keinen Sport machen \u2013\n ich hatte keine M\u00f6glichkeit, irgendwo Halt zu finden. Und dass ich \ngemerkt habe, dass man mir w\u00e4hrend den Befragungen schlichtweg nicht \nglauben will, hat sich f\u00fcr mich wie erneute Folter angef\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Was hat dir Halt gegeben in dieser Zeit?<br><\/strong>Ich\n habe w\u00e4hrend der Haft viel geschrieben und gezeichnet. Und ich habe es \nmir zur Aufgabe gemacht, \u00fcber diese unmenschlichen Zust\u00e4nde zu \nberichten, wenn ich frei bin. Es geht mir dabei nicht um mich als \nIndividuum, sondern um alle Gefangenen, die unter dieser Praxis leiden. \nIch finde meine Freiheit durch die Freiheit von allen anderen \nUnterdr\u00fcckten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Wie hast du das Schweizer Asylverfahren empfunden?<br><\/strong>Ich\n musste chronologisch und sehr detailliert erz\u00e4hlen, was mir angetan \nwurde, weil ich ja beweisen musste, dass es wirklich passiert ist und \ndas Ziel der Beh\u00f6rden war, Widerspr\u00fcche zu finden. Ich wurde bereits \ngem\u00e4ss dem Istanbul-Protokoll als Folteropfer anerkannt (Anm. der Red.:<em> Von der UNO empfohlenes Handbuch zur Ausbildung von Gutachtern f\u00fcr Folteropfer)<\/em>.\n F\u00fcr mich w\u00e4re es weniger schlimm gewesen, wenn man mir einfach ins \nGesicht gesagt h\u00e4tte, dass man mir nicht glaubt. Aber es geht mir auch \nhier um die strukturellen Probleme: Mir wird nicht geglaubt obwohl ich \ndiejenige bin, die gefoltert wurde. Ich bin diejenige, die Beweise \nbringen muss \u2013 nicht die, die mir das angetan haben. Zwar wurde meine \nposttraumatische Belastungsst\u00f6rung anerkannt, aber es wurden auch hier \nkeine Massnahmen ergriffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Warum nicht?<br><\/strong>Mir wurde gesagt, dass es nicht m\u00f6glich ist, eine Therapie zu machen, w\u00e4hrend man in Untersuchungshaft sitzt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong> Hattest du im Bezirksgef\u00e4ngnis anderweitigen Zugang zu psychologischer Hilfe?<br><\/strong>Zuerst\n nicht. Erst nachdem bei mir w\u00e4hrend des Asylprozesses eine \nposttraumatische St\u00f6rung best\u00e4tigt wurde, und durch Druck meiner \nAnw\u00e4ltin und meines Anwalts. Ich musste also zu Beginn selber Ressourcen\n und M\u00f6glichkeiten finden, das Erlebte zu verarbeiten \u2013 aber in einem \nZustand der politischen Verfolgung gibt es diese M\u00f6glichkeit nicht. Man \nhat ja st\u00e4ndig Angst, dass es wieder geschieht. Dazu kommt, dass meine \ninzwischen zehnj\u00e4hrige Tochter diese Angst auch sp\u00fcrt. Das ist mit das \nSchlimmste f\u00fcr mich \u2013 dass auch meine Tochter Teil dieser politischen \nVerfolgung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\n Bezirksgef\u00e4ngnis gab es eine Art Notfalldienst, aber wirkliche \nBetreuung gab es keine. Aber durch die grosse Solidarisierung, auch von \nverschiedenen Menschenrechtsorganisationen, die in dieser Zeit \nstattfand, haben wir erreicht, dass mir eine private Psychologin zur \nSeite gestellt wurde. Aber wie soll man eine Foltertherapie machen an \neinem Ort, der diese Erlebnisse st\u00e4ndig triggert und reaktiviert? <\/p>\n\n\n\n<p><strong> Wie \u00e4ussert sich das?<br><\/strong>W\u00e4hrend\n meiner Haftstrafe in der Schweiz durfte ich meine Tochter nicht einmal \numarmen, wenn sie mich besucht hat und konnte sie nur durch die \nTrennscheibe sehen. Wenn sie mir eine Zeichnung geschickt hat, wurde die\n beschlagnahmt und es dauerte drei Wochen, bis sie bei mir war. Weil \nalles an mir politisiert wurde, sogar die Beziehung zu meinem Kind. Ich \ndurfte auch nicht baskisch mit ihr sprechen. So bricht man eine Person, \nwenn man sie dort trifft, wo es ihr wehtut. <\/p>\n\n\n\n<p><strong> Inwiefern beeinflusst das den Alltag von dir und deiner Tochter?<\/strong><br>F\u00fcr\n meine Tochter f\u00fchlt es sich so an, als w\u00fcrden wir bald einen schlimmen \nUnfall erleben, aber wir wissen nicht genau wann. Diese Ungewissheit \nmacht den Alltag sehr schwierig. Darum fordere ich eine politische \nEntscheidung der Schweiz. Wir wollen frei leben k\u00f6nnen. Der jetzige \nZustand ist keine Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong> Wie lebst du heute?<br><\/strong>Ich wohne in Z\u00fcrich mit meiner Tochter und arbeite beim Radio LoRa. <\/p>\n\n\n\n<p><strong> Was bedeutet dir das Radiomachen?<br><\/strong>Als\n ich diese 17 Monate in Isolationshaft sass, war das Radio eine wichtige\n M\u00f6glichkeit f\u00fcr mich, weil es diese Mauer der Isolation gebrochen hat \nund Solidarit\u00e4t in meine graue Zelle gebracht <em> (das \u201c<\/em><a href=\"https:\/\/www.lora.ch\/sendungen\/alle-sendungen?mode=1&amp;terms=&amp;list=Knastradio\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em> Knastradio<\/em><\/a><em> \u201d von Radio LoRa ist gemeint)<\/em>.\n Das hat mir viel Hoffnung und Kraft gegeben weil ich merkte, dass das, \nwas ich sage, auch draussen geh\u00f6rt und aufgenommen wird. Ich wusste, \ndass ich das auch machen will, wenn ich rauskomme. Und das mache ich \nheute \u2013 nicht nur beim Knastradio, sondern auch in anderen Sendungen. \nMir hilft das enorm, ich will aktiv sein und weiter k\u00e4mpfen. F\u00fcr mich \nist es die ideale Kombination von Aktivismus und Arbeit \u2013 als \nalleinerziehende Mutter muss ich ja auch Geld verdienen. Auch die \nstarke, breit abgest\u00fctzte feministische Solidarit\u00e4t, die sich rund um \nden Frauenstreik gebildet hat, gibt mir viel Kraft. Ich muss einfach \nweitermachen, K\u00e4mpfen ist meine Therapie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lh6.googleusercontent.com\/gX0OnNEktSL1Fu4ATqsSZdnMkZDgI8ZHcMYSHNIdGrysSdu0MLXPVU6_D-6Vgo8HT_f8zRIi2he1i2YtD-4LsN7I7MQLMRJIKvH8VMryHfSZI7HiwbomQRtRuQbUDeXXSJBsX7YD\" alt=\"gX0OnNEktSL1Fu4ATqsSZdnMkZDgI8ZHcMYSHNIdGrysSdu0MLXPVU6_D-6Vgo8HT_f8zRIi2he1i2YtD-4LsN7I7MQLMRJIKvH8VMryHfSZI7HiwbomQRtRuQbUDeXXSJBsX7YD\"\/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die baskische Aktivistin hat eine Odyssee durch spanische und schweizerische Gef\u00e4ngnisse hinter sich. Zurzeit lebt sie in Z\u00fcrich &#8211; als freie Frau. Nun droht ihr die erneute Auslieferung. 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