{"id":1524,"date":"2022-06-04T19:35:00","date_gmt":"2022-06-04T19:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freenekane.ch\/?p=1524"},"modified":"2022-06-13T11:53:39","modified_gmt":"2022-06-13T11:53:39","slug":"blick-portraet-einer-aktivistin-alltagskaempferin-nekane-txapartegi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.freenekane.ch\/fr\/blick-portraet-einer-aktivistin-alltagskaempferin-nekane-txapartegi\/","title":{"rendered":"Blick: Portr\u00e4t einer Aktivistin: Alltagsk\u00e4mpferin Nekane Txapartegi"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Bis vor kurzem noch galt Nekane Txapartegi in Spanien als Terroristin auf der Flucht. In der Schweiz wurde sie dadurch zur zentralen Figur einer politischen Bewegung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Publiziert: 12.06.2022 um 12:36 Uhr, <strong>Janina Bauer<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/img.blick.ch\/incoming\/17568829-v0-nekane-txapartegie-23.jpg?imdensity=2&amp;ratio=free&amp;x=0&amp;y=0&amp;width=4912&amp;height=7360&amp;imwidth=291\" rel=\"lightbox[1524]\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/img.blick.ch\/incoming\/17568829-v0-nekane-txapartegie-23.jpg?imdensity=2&amp;ratio=free&amp;x=0&amp;y=0&amp;width=4912&amp;height=7360&amp;imwidth=291\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"332\"\/><\/a><figcaption>Nekane Txapartegi (49) ist nach 15 Jahren auf der Flucht frei. (Natalie Taiana)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>An einem Mittwochabend Mitte Mai kommt Nekane Txapartegi (49) in den Garten des \u00abPark Platz\u00bb, einer Bar im Z\u00fcrcher Kreis 5. Sie geht mit entschlossenen Schritten, ihr H\u00e4ndedruck ist fest. Wer sie gr\u00fcsst, erntet ein breites L\u00e4cheln. Im Bar-WC h\u00e4ngen \u00abFree Nekane\u00bb-Sticker mit ihrem Gesicht. Dass sie hier sein kann, hat sie auch den Aufklebern zu verdanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind Teil einer Bewegung, die f\u00fcr ihre Freiheit k\u00e4mpft. Die geb\u00fcrtige Baskin galt in Spanien viele Jahre als Terroristin. In der Schweiz tauchte sie unter \u2013 bis zu ihrer Verhaftung 2016. Dies l\u00f6ste eine Welle der Solidarit\u00e4t aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kommt es, dass sich hierzulande so viele f\u00fcr sie einsetzen?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Diktator verbot Br\u00e4uche der Basken<\/h3>\n\n\n\n<p>Nekane Txapartegi ist 1973 in der baskischen Kleinstadt Asteasu geboren und in den letzten Jahren des repressiven Franco-Regimes aufgewachsen. Der Diktator verbot die Br\u00e4uche der Basken und sogar ihre Sprache. Sein Ziel war ein uniformes Spanien. Doch die Volksgruppe k\u00e4mpfte f\u00fcr ihre Autonomie. Und zahlte einen hohen Preis. Viele aus dem Baskenland haben Verwandte oder Bekannte im Gef\u00e4ngnis, sagt Nekane. \u00abManche wurden verschleppt und sind nie wieder aufgetaucht.\u00bb<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/img.blick.ch\/incoming\/17568833-v0-photo-2022-06-11-14-01-37.jpg?imdensity=2&amp;ratio=free&amp;x=0&amp;y=0&amp;width=990&amp;height=1280&amp;imwidth=337\" rel=\"lightbox[1524]\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/img.blick.ch\/incoming\/17568833-v0-photo-2022-06-11-14-01-37.jpg?imdensity=2&amp;ratio=free&amp;x=0&amp;y=0&amp;width=990&amp;height=1280&amp;imwidth=337\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"310\"\/><\/a><figcaption>Nekane Txapartegi trat am Frauenstreik 2019 als Hauptrednerin auf. (ZVG)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Nekane ist acht Jahre alt, als ihre Eltern sie erstmals an eine Demonstration mitnehmen. Ein B\u00fcrger aus Asteasu war von der halbmilit\u00e4rischen Guardia Civil gefoltert und ermordet worden. Damals verstand die kleine Nekane \u00abtortura\u00bb noch nicht, das spanische Wort f\u00fcr Folter. Viele Jahre sp\u00e4ter sollte sie dessen Bedeutung am eigenen Leib erfahren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verhaftung 1999<\/h3>\n\n\n\n<p>1999 wird sie verhaftet. Zu diesem Zeitpunkt ist die 26-J\u00e4hrige Stadtr\u00e4tin von Asteasu. Auch nach dem Ende der Diktatur gibt es Repression gegen baskische Aktivisten. Nekane kommt in ein Gef\u00e4ngnis nach Madrid. Man wirft ihr die Unterst\u00fctzung der Terrororganisation ETA vor, die bis zu ihrer Aufl\u00f6sung 2018 rund 800 Menschen t\u00f6tete.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Polizeikeller wurde Nekane f\u00fcnf Tage lang gefoltert und vergewaltigt: \u00abIch k\u00e4mpfte mit meinem gesamten Willen ums \u00dcberleben. Ich wollte meiner Familie den Schmerz ersparen, eine Angeh\u00f6rige zu verlieren.\u00bb Sie spricht gelassen, ihre Geschichte hat sie schon oft erz\u00e4hlt. Einzig ihre H\u00e4nde, die an einem Haargummi zerren, und ihr gesenkter Blick verraten, dass es sie immer noch Kraft kostet, dar\u00fcber zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Basken mussten viel Gewalt erleben<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/img.blick.ch\/incoming\/17568835-v0-photo-2022-06-11-13-59-23.jpg?imdensity=2&amp;ratio=free&amp;x=0&amp;y=0&amp;width=1280&amp;height=853&amp;imwidth=412\" rel=\"lightbox[1524]\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/img.blick.ch\/incoming\/17568835-v0-photo-2022-06-11-13-59-23.jpg?imdensity=2&amp;ratio=free&amp;x=0&amp;y=0&amp;width=1280&amp;height=853&amp;imwidth=412\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"191\"\/><\/a><figcaption>Nekane Txapartegi beim Frauenstreik am 14. Juni 2021 in Z\u00fcrich. (ZVG)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Zu den Vorw\u00fcrfen der Guardia Civil sagt sie heute: \u00abWelche Rolle spielt es, dass ich die ETA unterst\u00fctzt haben soll? Ist das ein Grund, mich zu foltern?\u00bb Es schmerzt sie, sich stets f\u00fcr den Widerstandskampf rechtfertigen zu m\u00fcssen, obwohl die Baskinnen und Basken so viel Gewalt durch den spanischen Staat erfahren hat. \u00abOpfer gab es auf beiden Seiten. Aber w\u00e4hrend ETA-Opfer offiziell anerkannt sind, hat der Staat nur einen Bruchteil der Tausenden gefolterten und ermordeten Basken anerkannt\u00bb, sagt Nekane.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sie selbst hat von offiziellen Stellen noch kein Eingest\u00e4ndnis ihrer Folter erhalten. Und das trotz internationalen Drucks: In acht F\u00e4llen wurde Spanien bereits vom Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte wegen Verst\u00f6ssen gegen die Antifolterkonvention und die Europ\u00e4ische Menschenrechtskonvention verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2007 zu Freiheitsstrafe verurteilt<\/h3>\n\n\n\n<p>2007 erlegt ein spanisches Gericht Nekane in einem Massenprozess eine mehrj\u00e4hrige Freiheitsstrafe auf. Sie flieht. Auf der Flucht bekommt sie ein Baby. Das Kind wird ihr neuer Ankerpunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Folterer sollen ihr damals gedroht haben, sie so sehr zu verletzen, dass sie keine Kinder mehr bekommen k\u00f6nne. Die Geburt setzt neue Kr\u00e4fte in ihr frei. \u00abEs war klar, dass ich alles f\u00fcr meine Tochter tun werde.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Es folgt ein Versteckspiel<\/h3>\n\n\n\n<p>Sie schaffen es in die Schweiz. Als Illegale. \u00abWir waren unsichtbar, lebten am Rand der Gesellschaft.\u00bb Ihre Tochter wurde auf dem Spielplatz sozialisiert, gemeinsam lernen sie dort die ersten Worte Deutsch. Sie hat dem M\u00e4dchen auch die baskische Sprache beigebracht. \u00abMeine Sprache ist meine Identit\u00e4t. Wenn ich meinem Kind das nicht mitgeben kann \u2013 was sonst?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Jahrelang geht das Versteckspiel gut. Bis zum 6. April 2016. An jenem Tag wird sie in der Schweiz festgenommen. Sie kommt in Auslieferungshaft.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Solidarit\u00e4tswelle<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/img.blick.ch\/incoming\/17568837-v0-nekane-txapartegie-7.jpg?imdensity=2&amp;ratio=free&amp;x=0&amp;y=0&amp;width=4742&amp;height=7105&amp;imwidth=291\" rel=\"lightbox[1524]\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/img.blick.ch\/incoming\/17568837-v0-nekane-txapartegie-7.jpg?imdensity=2&amp;ratio=free&amp;x=0&amp;y=0&amp;width=4742&amp;height=7105&amp;imwidth=291\" alt=\"\" width=\"352\" height=\"530\"\/><\/a><figcaption>Beim Z\u00fcrcher Radio Lora arbeitet Nekane Txapartegi heute. Sie setzt sich dort f\u00fcr feministische Berichterstattung ein. (Natalie Taiana)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Es war der Beginn einer Solidarit\u00e4tswelle. Nekanes Anw\u00e4lte, ihre Freunde und die Menschenrechtsorganisation Augenauf starten eine Kampagne, um den Druck auf die Beh\u00f6rden zu erh\u00f6hen. Pl\u00f6tzlich ist ihr Gesicht auf Plakaten, in Zeitungen und den sozialen Medien zu sehen. Die Aktion nimmt Fahrt auf, verselbst\u00e4ndigt sich, ein B\u00fcndnis entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer mehr Menschen gehen f\u00fcr Nekane auf die Strasse. Vor allem auf Kundgebungen der Frauenbewegung ist ihr Abbild omnipr\u00e4sent, fast schon ikonisch. Am feministischen Streiktag 2019 trat sie als Hauptrednerin auf. Im Gef\u00e4ngnis erh\u00e4lt sie w\u00f6chentlich Besuch. Auch von Personen, die Nekane noch nie zuvor gesehen hatte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kollektive Anstrengungen<\/h3>\n\n\n\n<p>Nekane wird mit Briefen \u00fcberh\u00e4uft. Menschen aus der ganzen Schweiz schreiben ihr, sichern ihr Solidarit\u00e4t zu. Auch Unterst\u00fctzerinnen aus dem Baskenland reisen in die Schweiz. \u00dcber das linksalternative Radio Lora, einen Z\u00fcrcher Lokalsender, werden Grussbotschaften an sie ausgestrahlt. Die kollektive Anstrengung ist das, was Nekane im Gef\u00e4ngnis Kraft verleiht.<\/p>\n\n\n\n<p>Anouk Maria Robinigg (37) vom Free-Nekane-B\u00fcndnis ist eine ihrer Unterst\u00fctzerinnen. \u00abMich hat ihre Geschichte sehr ber\u00fchrt. Es war ein offensichtlicher Skandal, eine riesige Ungerechtigkeit!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Nekane als eines von wenigen Folteropfern die Kraft aufbrachte, \u00fcber ihre Erlebnisse zu sprechen, habe sie nahbar gemacht. Robinigg: \u00abF\u00fcr uns war klar, sie ist eine von uns. Nekane ist eine \u00dcberlebende sexualisierter Gewalt. Ich denke, das hat vor allem viele Frauen betroffen gemacht.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der \u00f6ffentliche Druck zeigte Wirkung<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Druck zeigt Wirkung. Nach 17 Monaten l\u00e4sst die spanische Regierung das Auslieferungsgesuch fallen. Nekane ist frei. Doch w\u00e4hrend dieser Erfolg in der Schweiz gefeiert wird, nennt die spanische Zeitung \u00abEl Pais\u00bb sie noch immer eine Terroristin. F\u00fcnf weitere Jahre soll es dauern, bis ein hohes Gericht Spaniens die Anklage gegen Nekane fallen l\u00e4sst \u2013 und sie in ihre Heimat reisen kann. Zum ersten Mal nach 15 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch sagt sie: \u00abIch bin nicht wirklich frei. Rechtlich vielleicht schon, aber nicht im Herzen. Nicht, solange noch \u00fcber 200 Baskinnen in spanischen Gef\u00e4ngnissen sitzen und der Folterapparat nicht gestoppt wird.\u00bb Eine halbe Stunde sp\u00e4ter steht Nekane auf dem Z\u00fcrcher Helvetiaplatz bei der Kundgebung einer Organisation, die gegen sexualisierte Gewalt k\u00e4mpft. Die Frauen gedenken der Schweizer Mutter aus Siders VS, die Ende Mai von ihrem Sohn get\u00f6tet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.blick.ch\/politik\/portraet-einer-aktivistin-alltagskaempferin-nekane-txapartegi-id17569414.html\">https:\/\/www.blick.ch\/politik\/portraet-einer-aktivistin-alltagskaempferin-nekane-txapartegi-id17569414.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis vor kurzem noch galt Nekane Txapartegi in Spanien als Terroristin auf der Flucht. In der Schweiz wurde sie dadurch zur zentralen Figur einer politischen Bewegung. 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