Brief von Nekane

Diesen Brief richtet Nekane an alle solidarischen Menschen. Auf ihren Wunsch veröffentlichen wir ihn leicht redigiert:

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„Liebe Leute

Ich wollte euch schon lange Schreiben, aber ich war damit beschäftigt, mich gegen die alltägliche Schikane zu wehren. Von Anfang an hat die Direktorin versucht, die Besuche als ein Geschenk an mich darzustellen. Sie wollte mir unser Recht, uns zu umarmen als einen Gefallen präsentieren. Aber ich habe ihr schön erklärt, dass sie mir nichts schenkt, sondern dass das mein Recht ist. Das ist ein verbotenes Wort hier: Rechte. Sie kennen hier nur Strafen, Verbote und Drohungen. Ich darf nicht im Hausdienst arbeiten, da ich zu viel „Propaganda ¨für unsere Rechte mache“. Als ich nach einer schriftlichen Begründung fragte, waren es dann aber andere Gründe: Ich bekomme zu viel Besuch und es passt nicht. Unter der Woche kann ich an ausbeuterischen Beschäftigungen teilnehmen. Entgegen meinen Prinzipien und nur um soziale Kontakte zu garantieren, mache ich Scheiss-Jobs für etwa 5.- Franken am Tag. Meistens bekommen wir Handschuhe aus Malaysia, die wir auspacken müssen. Dann kleben wir eine Etikette drauf und packen sie wieder in Schachteln. Später werden sie dann als „Made in Switzerland“ verkauft. A la suisse – das Kapital kennt weder Ethik noch Moral… Diese Woche bereiten wir Werbung für eine Eröffnung von „Chickeria“ vor. Es ist zum Kotzen, wie viel Geld es gibt für so etwas, während Flüchtlinge vor Chiasso im Park wohnen. So motiviert gehe ich arbeiten, aber leider ist das die einzige Möglichkeit, um nicht total isoliert zu sein.

Die Wochenenden sind sehr belastend, da wir 23 Stunden pro Tag in der Zelle eingesperrt sind. Die WärterInnen teilen uns das Essen durch die Türklappe aus und sie sind die inzigen „Personen“, die ich in dieser Zeit sehe. Ich bin gezwungen, mit meinen EntführerInnen Kontakt zu pflegen, aber ich rede und frage nur das nötigste – die sind nicht meine FreundInnen!
Zum Juristischen: Die Anhörungen bezüglich des Asylgesuchs sind fertig und die letzte Klagen und Informationen gegen die Auslieferung wurden präsentiert. Die Asyl-Befragungen waren anstrengend, da ich Menschen, die viele Vorwürfe gegen mich erhoben von meinen Folter-Erfahrungen erzählen. Manchmal fühlte ich mich erneut gefoltert, weil sie mir nicht glaubten und ich das Gefühl hatte, dass die befragende Person die Absicht hatte, mir Lüge zu unterstellen. So ist die Schweizer Neutralität…
Ich hoffe, dass bald ein Entscheid gefällt wird, weil das Warten mir Kraft raubt.
Ich habe auch einen Brief an Marco geschrieben. Ich habe vor Längerem sein Buch gelesen und ich freue mich, dass er endlich raus kommt. Vielleicht treffen wir uns bald!

Ich höre sehr gern Lora, eure Grüsse und die Musik bringen mir die Solidarität in meine Zelle 😉

Mit herzlichen Grüssen, Nekane“